Neues Buch von Tanja Busse: Die Wegwerfkuh

Unser Kommentar zur Lage der Landwirtschaft - und warum dieses Buch so wichtig ist zum Lesen:

Seit Menschengedenken ist es weltweit die Uraufgabe der Landwirtschaft, im Einklang mit der Schöpfung gesunde Lebensmittel zu erzeugen. Ebenfalls war es die Urfolge, dass die Menschen der jeweiligen Region damit versorgt werden. Um 1900 ernährte ein Landwirt 4 Personen. Heute sind dies etwa 140. Klar hat sich die Struktur der Höfe verändert, aber die 140 Bürger können heute keinen Landwirt ernähren. Die „Mitfresser“ zwischen Produktion und Verbraucher haben das Sagen. Wo steuern wir hin? Längst hat die Industrie erkannt, dass es rentabel ist, die Menschheit beim täglichen Essen abhängig zu machen.

Die Weltbevölkerung wächst ständig. Verbände, Konzerne und Politik diskutieren, wie man diese künftig ernährt. Die Ernährung der ganzen Welt ist nachweislich kein Mengenproblem, sondern vielmehr eine Frage der Verteilung und was die erzeugten Produkte innerlich noch wert sind. „Gewinnmaximierung“ hat den Begriff „Mittel zum Leben“ längst abgelöst. Ich war früher selbst ein Vollgasbauer und habe alles so gemacht, wie es die konzerngesteuerten Landwirtschaftsschulen immer noch empfehlen. Der „Ertrag“ tendierte wunschgemäß am Maximum, bis wir zusammen mit den Lehrlingen zum Wort „Ertrag“ noch den Zusatz „Gesamtbetriebs-„ setzten. Auf einmal zeigte sich, dass der höchste Mengenertrag in die langfristige Katastrophe führen wird. Die Kreislaufwirkung von Boden – Wasser – Lebewesen – Futtermittel – Tiere – Lebensmittel – Gülle – und wieder zurück zum Boden funktioniert nicht. „Mehr Ertrag“, stellte sich heraus, ist im Sinne der Industrie gemeint, nicht der Landwirte und Konsumenten. Aber es gibt Lichtblicke für die Zukunft. Der Umdenkprozess hat weltweit längst begonnen. So hat beispielsweise der Bereich „gentechnikfrei erzeugte Lebensmittel“ in den USA, aber auch bei uns, die höchsten Zuwachsraten“.

Umdenken kann man als Bürger, Landwirt, aber auch als Aktiver in der Wirtschaft, nur dann, wenn man Bescheid weiß und die wahren Hintergründe kennt. In diesen Tagen erscheint ein Buch der Superlative am Markt. Die bekannte Journalistin Tanja Busse hat schon mehrere Bücher über die Hintergründe der Lebensmittel geschrieben. Alle waren Bestseller! Dieses Buch jedoch sprengt alles bisher Geschriebene zu dem Thema. Meine Frau und ich wurden ausgewählt, das Buch vorab zu lesen und zu kommentieren, bevor es auf den Markt kommt. Das Buch ist unvorstellbar mutig, sehr gut und hintergründig recherchiert, und zwar weltweit. Eine unglaubliche Sammlung von Fakten, Fehlern und Fortschrittsglaube in der heutigen Lebensmittelproduktion. Die Autorin beschreibt alles lückenlos und leicht verständlich. Sie erzählt alles mit Beispielen, um sich Hineindenken zu können. Wer hier liest, kann nicht mehr aufhören mit Staunen und Kopfschütteln.

Dieses Buch soll / muss jeder Bürger lesen. Es ist keinesfalls ein Angriff gegen die Landwirte. Im Gegenteil, Tanja Busse versucht den Landwirten und Konsumenten die Augen zu öffnen und das eigene Denken wieder einzuschalten. Ob Massentierhaltung oder Kleinlandwirtschaft steht hier nicht zur Diskussion. Landwirte lesen gerne ihre Fachzeitschriften und meinen dann, informiert zu sein. Dort sind die Info-Berichte so verfasst, wie es die gleich daneben stehende Werbung genau braucht. Das ist keine Info, sondern vom Leser auch noch teuer bezahlte Gehirnwäsche. Legt einmal diese Blätter zur Seite und lest dieses Buch. Aber nicht nur Bauern, sondern jeder Konsument sollte es lesen. Es geht uns alle an. Auch die Konsumenten werden mit Blendwerbung überzogen und können nicht mehr unterscheiden zwischen billig und günstig.

Wie geht es weiter mit unseren so genannten „Bauern“? Was ist Massentierhaltung, oder was ist richtig – wo beginnt sie? Wo sind die Tiere besser aufgehoben? Was ist wirkliches Tierwohl? Man kann auch bei Großbetrieben Tiere gesund erzeugen, wenn man das Tier als Lebewesen und nicht als Produktionsobjekt betrachtet! Bis zu welcher Größe geht das noch? Was verursachen chemische- oder hormonelle Leistungssteigerungen, wenn sie über den Kreislauf anderes Leben, z. B. Menschen, erreichen? Wenn doppelter Einzelertrag bei dann nur halber nötiger Tierzahl nicht einmal die Preisrundung beim Discounter ausmachen würde? Wenn der Export von Überschussfleisch in die Entwicklungsländer dort ein Agrarsterben auslöst und uns dann von dort Flüchtlinge überschwemmen? Wenn lebenswichtiges Antibiotika zum Tier-Standard gehört, während Kleinerzeuger dies nicht brauchen?  „Der Ertrag geht vor Tierwohl“, meinen viele. Aber welchen Ertrag meinen sie? Geld- oder Mengenertrag oder Gesamtbetriebsertrag? Wer profitiert vom Ertrag?

„Wir fahren in der Agrarwirtschaft mit Vollgas voraus. Die Vollgasbauern sitzen auf dem Gaspedal und am Lenkrad sitzen die Konzerne und Verbände. Für die Bremse wären die staatlichen Stellen zuständig, aber die sortieren gerade auf der Rückbank die Werbegeschenke der Industrie. Je schneller wir fahren, umso mehr klammern sich die Bauern ans Pedal, um nicht herunter zu fallen. Am Wegesrand stehen unzählige Menschen und Organisationen und winken dem fahrenden Agrarfahrzeug zu, um es zu stoppen. Niemand im Fahrzeug erkennt dies, sondern meinen, die Leute jubeln, weil alles billiger wird. „Wir machen euch satt“, steht auf dem Fahrzeug, aber die Leute haben erkannt, dass das allein keine Lösung ist. Plötzlich kommt auf der Fahrt der „Tunnel der Schöpfung“, die sich immer wehrt und niemals zu überlisten ist. Die Fahrer reißen die Augen auf vor Schreck und merken es dann erst: „Wir fahren mit Vollgas und es scheine, alles perfekt zu klappen ...   -  aber  ....  -   wir fahren ja in die falsche Richtung“. Aber dann war es zu spät.“

Sogar der wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums hat festgestellt. „dass die Tierhaltung in Deutschland so nicht zukunftsfähig ist“. Macht die Augen auf, um gegenzusteuern, solange es noch möglich ist. Seit Menschengedenken sind Landwirte freie Unternehmer, die der freien Bevölkerung gesunde Lebensmittel erzeugten. Diese Uraufgabe steht vor dem Untergang.

Die Journalistin Tanja Busse ist selbst auf dem Land aufgewachsen. Sie befasst sich in ihrem Buch "Die Wegwerfkuh" eingehend mit dem Zustand der Landwirtschaft und stellt fest: Diese Landwirtschaft tut nur effizient, ist es aber nicht. "Man kann nicht sagen, das ist effizient, wenn wir die Menge steigern und so billig wie möglich produzieren. Das produziert langfristig Kosten, die die Allgemeinheit zahlt".

"Ich komme selber vom Land und deshalb kenne ich das Gefühl der Landwirte gut, dass es unfair ist, wenn man ständig kritisiert wird. Mit meinem Buch möchte ich die Landwirte erreichen, die sich so ein bisschen gefangen sehen in diesem Wachstumszwang, in der Industrialisierungspflicht, die davor stehen, die nächste Investition für ein, zwei Millionen zu machen, und sich fragen: Wo soll das denn eigentlich hingehen?", sagt Tanja Busse, wohlwissend, dass auch die Konsumenten in der Pflicht sind, nicht nach der billigsten Milch im Regal zu greifen.

Bestelladresse: 

http://www.randomhouse.de/Paperback/Die-Wegwerfkuh/Tanja-Busse/e462177.rhd

Feilmeier Josef   -   März 2015